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Lehren und Lernen verändert sich

von Manfred Berberich

„Wenn die Lunge die Antwort der Evolution auf die Atmosphäre ist, ist das Smartphone die Antwort auf die uns umgebende Infosphäre“

FAZ (10.09.2015) zur Ausstellung „Infosphäre“ im ZKM Karlsruhe

Liebe Leserinnen und liebe Leser, seien Sie ehrlich: Fühlen Sie sich wohl, wenn Sie auf dem Weg zur Arbeit oder zum Sport Ihr Smartphone nicht dabei haben? Hat es inzwischen nicht schon den Charakter ein Teil, fast schon ein Organ von Ihnen selbst zu sein? Unzählige Daten über Sie, Ihre Kontakte, Ihre Tätigkeiten und Lebensgewohnheiten werden gespeichert. Eine Analyse der Daten würde ein äußerst genaues Persönlichkeitsprofil von Ihnen ergeben.

Fast 99% unserer Jugend benutzt ein Handy/Smartphone (Quelle: JIM-Studie 2015). Das Smartphone bietet Unterhaltung durch Musik, Video, Spiele und ist der Zugang zu weltweiten Informationen. Es ist inzwischen fester Bestandteil der Kommunikation in allen Lebensbereichen. Beziehungen werden gestaltet, Fluchtwege organisiert. Es lassen sich damit Bilder aufnehmen, Sprachnotizen und Videos produzieren. Nicht zuletzt ist das Smartphone ein Medium zum Telefonieren und ein Arbeitsmittel in der Ausbildung und im Beruf. Inzwischen beginnt es auch in der Schule zu einem Lernmedium zu werden. Es gibt kaum noch Lebensbereiche, in denen ein Smartphone keine Rolle spielt. Das Smartphone und andere mobile Geräte wie Tablet und Notebook stehen im Zentrum aktueller didaktischer Fragestellungen. Die gilt nicht nur für die Nutzung vorgefertigter Apps und Videosequenzen, sondern auch für deren Produktion. Daher ist die Gestaltung von Lernszenarien, die auf mobilen Endgeräten (Smartphones und Tablets) einsetzbar sind, ist ein wichtiger Bestandteil der künftigen Lehrerausbildung.

Videoproduktionen für Selbstlernphasen

Bereits seit einigen Jahren entstehen im Rahmen der Lehrerausbildung am Seminar Karlsruhe Videoproduktionen zum Einsatz in Selbstlernphasen. In den Multimediakursen steht nicht nur der Einsatz, d.h. die Rezeption von Lernvideos mit dem Ziel einen Wissenszuwachs zu erzielen in der Diskussion, sondern auch um deren Produktion. In der Herstellung von Lernvideos sehen wir eine wichtige Alternative / Ergänzung zur Präsentation, denn bekanntlich ist der Lerneffekt besonders hoch, wenn sich Lernende aktiv mit den Lerninhalten auseinandersetzen. Außerdem können Lernvideos auf mobilen Endgeräten angesehen werden und unterstützen so das mobile Lernen.

Siehe hierzu die Ausführungen zum Karlsruher Modell der Medienbildung.

MOOC

Im Herbst 2013 startete das Kultusministerium das Projekt, einen MOOC zum Einsatz mobiler Endgeräte von Lehrenden und Auszubildenden anzubieten. Im Rahmen des Piloten galt es zu erproben, inwieweit das Format MOOC die aktuellen Aus- und Fortbildungsformate erweitern und ergänzen kann. Dabei sollte evaluiert werden, wie hoch die Beteiligung und Akzeptanz ist und welche nachhaltige Wirkung ein MOOC entfalten kann. Ebenso wurden die technische Umsetzung und verschiedene Produktionsmöglichkeiten getestet. Als Projektleitung wurde das Zentrum für Mediales Lernen (ZML, ehemals Fernstudienzentrum) am Karlsruher Institut für Technologie beauftragt, das die Produktion leitete und für die technische Umsetzung einschließlich Online-Plattform verantwortlich ist. Die inhaltliche Konzeption und die fachliche Begleitung während der Online-Phase wurden durch das ZML, beauftragten Lehrkräften, Ausbildern aus den Seminaren und dem Verantwortlichen im Kultusministerium geleistet.

Was ist ein MOOC?
MOOC steht für „Massive-Open-Online-Course“

Massiv: In solche Kurse können sich sehr viele Teilnehmer einschreiben. MOOCs mit über 10.000 Teilnehmern sind keine Seltenheit.

Open: Es gibt keine Zugangsbeschränkungen, das Online-Material ist kostenlos, jeder Teilnehmer sieht den ganzen Kurs und die Beiträge in den Foren.

Online: Der Kurs findet vollständig online statt. Präsenzphasen sind nicht vorgesehen.

Course: MOOCs haben eine feste Struktur, ein bestimmtes Thema und einen vorgegebenen Anfang sowie ein vorgegebenes Ende. Nach erfolgreicher Absolvierung wird ein Zertifikat vergeben. Für die Zertifikatserstellung wird von manchen Anbietern ein Entgelt erhoben.

Inhaltlich hat der MOOC die Nutzung mobiler Endgeräte von Ausbildern, Referendaren, Anwärtern und Lehrkräften im Unterricht und Seminar thematisiert, denn: digitale Medien und die Werkzeuge zur Erstellung und Nutzung derselbigen stehen (angehenden) Lehrkräften häufig in einer einfach nutzbaren Form zur Verfügung (z. B. durch Smartphones oder Tablets) und werden von ihnen im privaten Umfeld selbstverständlich und häufig genutzt. Für den unterrichtlichen Einsatz fehlt aber in der Regel die Heranführung an eine entsprechende Methodik und Didaktik und die Vermittlung einer persönlichen Sicherheit in der konkreten Umsetzung. Anhand unterschiedlicher Beispiele sollte Lehrkräften aufgezeigt werden, wie sie durch den Einsatz mobiler Geräte zum einen motivierende und pädagogisch sinnvolle Unterrichtskonzepte gestalten und entwickeln und zum anderen kooperatives, entdeckendes und problemlösendes Lernen initiieren und fördern können.

Die Inhalte eines MOOC werden im Rahmen von Aufgaben, Quizzes und Foren und insbesondere durch Videosequenzen vermittelt. Von daher lag es nahe, das gymnasiale Seminar an der Produktion zu beteiligen. Die Mitarbeit bei diesem MOOC ist für uns die konsequente Weiterentwicklung der bisherigen Arbeiten bei der Herstellung von Videos für Selbstlernphasen.

Die Gesamtsteuerung lag beim Kultusministerium Baden-Württemberg, die Produktionsleitung beim ZML des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Vertreter des Marta-Schanzenbach Gymnasiums Gengenbach, des Staufer-Gymnasiums Waiblingen, des Kreismedienzentrums Heidelberg, des Staatlichen Seminars für Didaktik und Lehrerbildung (Gymnasien) Karlsruhe und des Staatlichen Seminars für Berufliche Schulen Karlsruhe lieferten die wesentlichen Inhalte.

Die erste Themenwoche des Kurses wurde am 23.02.2015 freigeschaltet, die letzte am 27.04.2015. Ende September 2015 wurde der Kurs – nachdem er aufgrund der großen Nachfrage länger als ursprünglich geplant geöffnet war – endgültig geschlossen.


Quelle: Kultusministerium Baden-Württemberg

Die Erfahrungen bei der Produktion des MOOC und während seiner Laufzeit waren vielfältig. Dies verdeutlichen einige Zahlen:

Insgesamt haben sich 4460 Benutzer angemeldet. Am Ende des Kurses wurde die Zertifikatsseite 2554 mal aufgerufen. Es gab 653 Forenbeiträge. 81,5% der Teilnehmer kamen aus Baden-Württemberg, davon 92% aus dem System Schule (Lehrkäfte, Ausbilder, Referendare, Anwärter). Man kann zu recht behaupten, dass der MOOC ein weltumspannendes Projekt war. Die Teilnehmer kamen aus über 100 Ländern. Viele Lehrkräfte aus den Deutschen Auslandsschulen hatten sich beteiligt.

Über 64% der Teilnehmer gaben im Abschlussfragebogen an, dass sie die Inhalte des MOOCs überzeugt haben und vermehrt einsetzen möchten. Dies zeigt, dass ein MOOC die aktuellen Ausbildungsformate erweitern und ergänzen kann.

Zum Betreuungsaufwand: Ab einer gewissen Anzahl von Teilnehmern ist gewährleistet, dass durch diese die Diskussion und Meinungsvielfalt, die einen solchen Kurs „lebendig“ machen, vorhanden ist. Dutzende von Anregungen, Bilder, Hinweise und Lösungen für Probleme finden sich in den Diskussionsforen. Die Betreuung der Teilnehmer steigt somit nicht im gleichen Verhältnis zur Anzahl der Teilnehmer. Schon Minuten nachdem die Lektionen freigeschaltet wurden, lagen die ersten Antworten und Diskussionsbeiträge vor.

Einsatz im Rahmen von Seminarveranstaltungen

Das MOOC-Format stellt eine attraktive und zukunftsweisende Ergänzung bisheriger Aus- und Weiterqualifizierungsformate dar. So könnten beispielsweise MOOCs mit informellen Gehalt und Selbstkontrollelementen als Vorlauf für Präsenzveranstaltungen am Seminar genutzt werden. Dies würde erlauben, die Seminarzeiten und die damit verbundene Anwesenheit derart anders zu gestalten, dass rein informelle und instruktive Inhalte in den Hintergrund rücken könnten und dafür Inhalte und Kompetenzen, die einer persönlichen Kommunikation bedürfen, mehr Raum einnehmen. Darüber hinaus könnten MOOCs einen spürbaren Beitrag zur Reduzierung der Reisekosten von Referendaren/Anwärtern leisten, denn eine Bearbeitung der Aufgaben ist jederzeit und ortsunabhängig möglich.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Teilnehmerzahl die Erwartungen weit übertroffen hat. Die Evaluation zum Inhalt und Format des Kurses war ausschließlich von guten bis sehr guten Rückmeldungen begleitet.

Am 10. Juni 2016 wurde ein weiterer MOOC vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg freigeschaltet. Das Thema sind die Leitperspektiven des neuen Bildungsplans.

http://www.leitperspektiven-bw.de

Tablets in der Seminarausbildung

Einige seminarinterne Fortbildungen zur didaktischen Anwendung von Tablets (iOS und Android) haben im vergangenen Jahr bereits für das Seminarkollegium stattgefunden. Auch in der aktuellen Ausbildung wurden die Referendarinnen und Referendare im Umgang mit diesem neuen Unterrichtsmedium geschult. Das Tablet hat Eingang in die Ausbildung an unserem Seminar gefunden. Im 24-Stündigen Multimedia-Basiskurs werden den Referendarinnen und Referendaren die grundlegende Technik und die didaktischen Möglichkeiten eines Tablets vermittelt. Dieses Wissen ist die Grundlage und die Voraussetzung für die Anwendung in den Fachdidaktiken. Dort sollen die didaktischen Möglichkeiten fächerspezifisch vertieft werden. Für unsere erfahrenen Fachdidaktiker ist es somit leicht, die Möglichkeiten des Gerätes in ihren Fachsitzungen sinnvoll zu nutzen, um einen zeitgemäßen Unterricht zusammen mit den Referendaren zu erarbeiten.

Digitale Medien und Inklusion

Das Thema "Inklusion" wird derzeit in der Öffentlichkeit heftig diskutiert und in den Schulen stark gefördert. Das Unterrichten in inklusiven Klassen ist eine didaktische und pädagogische Herausforderung. Diese Herausforderung möchte das gymnasiale Seminar in Karlsruhe annehmen.

Die Kolleginnen und Kollegen des Profilbereichs "Mediendidaktik / Medienpädagogik" beschäftigen sich bereits seit einiger Zeit mit Fragen des individuellen und kooperativen Unterrichts, der durch digitale Medien unterstützt wird. Eine konsequente Weiterentwicklung ist der Unterricht in Inklusionsklassen mit digitaler Medienunterstützung. Aus diesem Grund wurde eine seminarinterne Informationsveranstaltung in Zusammenarbeit mit Fortbildungslehrkräften aus dem Sonderschulbereich durchgeführt. Im Kern der Fortbildung geht es um das Fortbildungsmodul „Unterrichten in inklusiven Settings“.

An ausgewählten Beispielen wurde gezeigt, wie unter Berücksichtigung individueller Voraussetzungen von Schülerinnen und Schülern kreativ mit digitalen Medien gemeinsam am selben Lerngegenstand gearbeitet werden kann. Im Rahmen einer Praxisphase konnten die Teilnehmer an 4 Arbeitsstationen das Erstellen von eigenem Material für inklusive Settings üben.

Mögliche Themen waren die Erstellung von Arbeitsaufträgen mit Symbolen, die Ergebnissicherung mit Audio und das Erstellen von iBooks. Am Ende ging es um das Thema der Ergebnispräsentation mit der Dokumentenkamera.

Die Beispiele zeigten, wie unter Berücksichtigung individueller Voraussetzungen von Schülerinnen und Schülern kreativ mit digitalen Medien gemeinsam am selben Lerngegenstand gearbeitet werden kann.

Die Teilnehmer würdigten die besonderen Leistungen der Sonderschulpädagogen. Möglichkeiten der Umsetzbarkeit durch gymnasiale Lehrkräfte mit dem entsprechenden sonderpädagogischen Anspruch, ohne eine entsprechende sonderpädagogische Ausbildung, bzw. Unterstützung wurden kritisch diskutiert. Dennoch zeigte die Fortbildung gemeinsame Ansatzpunkte zum kooperativen und individuellen Lernen. Die Zusammenarbeit soll fortgesetzt werden.

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